Shorin-Ryu Seibukan – Tradition, Technik und Persönlichkeit

Shorin-Ryu Seibukan – Tradition, Technik und Persönlichkeit

Shorin-Ryu Seibukan – Tradition, Technik und Persönlichkeit

Shorin-Ryu Seibukan ist eine der klassischen und kulturell tief verwurzelten Stilrichtungen des Okinawa-Karate und steht in der Tradition des Shōrin-Ryū (少林流), einem der ältesten und historisch bedeutendsten Karate-Stile aus Okinawa, Japan. Der Name Shorin-Ryu bedeutet wörtlich „Kleiner Wald-Stil“ und verweist sprachlich wie technisch auf die Ursprünge in den alten chinesischen Shaolin-Kampfmethoden sowie auf die lokalen Kampfsysteme von Shuri und Tomari auf Okinawa.

Im Jahr 1962 begründete Meister Zenryo Shimabukuro den Shorin-Ryu-Zweig Seibukan („Schule der heiligen Kunst“). Diese Stilrichtung zeichnet sich durch präzise, natürliche Bewegungen, schnelle Fußarbeit und eine ausgewogene Verbindung von defensiven und offensiven Techniken aus – sie ist weder klassisch „hart“ noch „weich“, sondern legt den Fokus auf Effizienz, Schnelligkeit und korrekte Körpermechanik.

Typisch für den Seibukan ist dabei, dass technische Details sehr bewusst gepflegt werden. Zwei Merkmale, die viele Praktizierende sofort mit Seibukan verbinden, sind:

  • Die Fausthaltung bei Zuki (Fauststößen): Häufig wird eine leicht gedrehte, etwa 45-Grad-Ausrichtung der Faust betont (statt strikt „horizontal“), was die Struktur im Handgelenk, die Linie von Unterarm und Faust sowie die Krafteinleitung über Körperrotation unterstützt – insbesondere in Kombination mit sauberem Hikite und stabiler Hüftarbeit.

  • Der häufige Standwechsel zwischen Shiko-Dachi und Zenkutsu-Dachi: In vielen Technikfolgen und Anwendungen wird der Wechsel von einem erdenden, stabilen Shiko-Dachi in einen vorwärtsgerichteten, dynamischen Zenkutsu-Dachi (und umgekehrt) genutzt, um Distanz, Winkel und Timing zu kontrollieren. Das Ergebnis ist eine charakteristische Mischung aus stabiler Verwurzelung und explosiver Vorwärtsbewegung, die den Stil technisch klar erkennbar macht.

Die Trainingsmethodik des Seibukan betont die Wiederholung grundlegender Techniken (Kihon), die sorgfältige Ausführung von Kata sowie anwendbare Partnerübungen (Kumite), immer mit dem Ziel, Körper und Geist gleichermaßen zu entwickeln. Damit verfolgt der Stil nicht nur effektive Selbstverteidigung, sondern auch die philosophische Dimension des Karate-Do als Weg persönlicher Reifung.

In der internationalen Entwicklung des Stils spielt Sensei Jamal Measara, 10. Dan, eine herausragende Rolle: Als langjähriger Lehrmeister und Cheftrainer für Deutschland und Europa hat er wesentlich zur Verbreitung und zur fundierten Vermittlung von Shorin-Ryu Seibukan beigetragen. Seine jahrzehntelange Erfahrung, sein Engagement im Training und seine Funktion als oberster Prüfer reflektieren die Verbindung traditioneller Werte und moderner Lehrmethodik – eine Verbindung, die den Charakter des Shorin-Ryu Seibukan bis heute prägt.

Ein Stil lebt jedoch nicht allein durch seine Techniken, sondern vor allem durch die Menschen, die ihn geprägt, weitergegeben und über Jahrzehnte lebendig gehalten haben. Die folgenden Meister stehen für diese Traditionslinie – von den historischen Wurzeln Okinawas bis zur heutigen internationalen Weitergabe – und geben einen Einblick in die Persönlichkeiten, auf deren Wissen und Erfahrung unser Training bis heute aufbaut.

Sensei Kyan Chotoku

Kyan Chotoku wurde im Dezember 1870 in Shuri auf Okinawa geboren. Er begann schon im Alter von 5 Jahren unter der Leitung seines Vaters Chofu und seines Großvaters Karate zu trainieren. Kyan Chotoku trainierte im Laufe der Jahre noch bei sechs anderen Meistern. Aufgrund dieser Erfahrungen entwickelte er ein Karate, von dem viele Meister Okinawas überzeugt waren, dass es eines der schönsten und wirkungsvollsten ist.

Sensei Kyan Chotoku

Das Meiste lernte Kyan von seinem ersten Lehrer Matsumora Kosaku aus Tomari. Es folgten Peichin Oyademare und Peichin Maeda (Peichin war ein Titel, der Angestellten des Königs verliehen wurde). Der nächste Lehrer, den Kyan aufsuchte, war Peichin Yara. Nach ihm lernte er bei Matsumura Sokon, dem Karate-Lehrer des Königs. Schließlich begab er sich auf die Insel Yaeyama, um bei Peichin Tokumine den Waffenkampf mit dem Bo zu erlernen. Es ist unsicher, ob der die Kata Tokumine No Kun direkt von Peichin Tokumine, oder von einem seiner Schüler lernte.

Nach seinen Schuljahren begann Kyan Chotoku in seinem Heimatdorf und in öffentlichen Schulen, Karate zu unterrichten. Einer der Ausgewählten und besten Schüler Kyans war Shimabukuro Zenryo. Am 20. September 1945 starb Kyan Chotoku im Alter von 74 Jahren den Hungertod.

Sensei Shimabukuro Zenryo

Shimabukuro Zenryo (1909-1969) unterrichtete nach 10 Jahren Training unter Kyan Chotoku ebenfalls an öffentlichen Schulen bis zum Beginn des 2. Weltkrieges. Ab diesem Zeitpunkt war es in Japan verboten, jegliche Art von Kampfkünsten auszuüben. Nach dem Krieg nahm er diese Tätigkeit wieder auf. Shimabukuro Zenryo hatte am Anfang seiner Karriere noch kein eigenes Dojo, das Training wurde deshalb bei ihm zu Hause abgehalten. 1962 baute er schließlich ein Dojo.

Sensei Zenryu Shimabukuro

Er nannte es “Seibukan“, das bedeutet: Sei Bu Kan – Heilige Kunst Schule. Dieser Name verdeutlicht die Einstellung Meister Shimabukuros zum Karate. In Karate-Kreisen war Shimabukuro ein hochangesehenes Mitglied. 1964 wurde ihm der höchste Rang des Okinawa-Karate von der All-Japan-Karate-Do-Federation verliehen: der 10. Dan (Rotgürtel). Am 14.10.1969 starb Shimabukuro Zenryo an einem Blinddarmdurchbruch.

Die Bedeutung von Seibukan

Der Name Seibukan setzt sich aus drei japanischen Schriftzeichen zusammen:

  • Sei (聖) - Heilig
  • Bu (武) - Kunst/Kampfkunst
  • Kan (館) - Schule/Halle

Diese Bezeichnung reflektiert die tiefe Ehrfurcht und den Respekt, mit dem Karate praktiziert werden sollte.

Sensei Shimabukuro Zenpo

Sensei Zenpo Shimabukuro ist Welt-Cheftrainer des Shorin Ryu Seibukan Karate. Er wurde am 11. Oktober 1943 auf Okinawa geboren und trainierte zunächst ausschließlich unter seinem Vater, Sensei Zenryo Shimabukuro. Im Alter von 19 Jahren schickte ihn dieser in die USA, wo er als Sensei lebte, unterrichtete und an zahlreichen Meisterschaften teilnahm. Nicht nur bei der Pennsylvania State Championship 1964, sondern auch bei den Canadian Internationals 1965 konnte er Siege erringen. Nach einer erfolgreichen Wettkampfkarriere kehrte er 1966 nach Okinawa zurück, um seinen Vater zu unterstützen.

Sensei Zenpo Shimabukuro Zu dieser Zeit suchte Sensei Chozo Nakama, ein Schüler von Sensei Choki Motobu und Sensei Chosin Chibana, Sensei Zenryo Shimabukuro auf. Da dieser darum bat in den Katas von Sensei Chotoku Kyan unterrichtet zu werden, übertrug der Meister seinem Sohn die Aufgabe, dem Verwandten Unterricht zu erteilen. Daraufhin verspürte der ,,Schüler“ das Bedürfnis, Sensei Zenpo Shimabukuro etwas zurückgeben zu müssen. Deshalb lehrte er ihn Motobu Chokis Katas Naihanchi 1-3 und Passai Guwa (kleine Passai), sowie Chibana Chosins Katas Pinan 1-5 und Jion. Auch diese Katas werden, neben den Kyan Katas, heute noch weitergegeben.

Sensei Zenpo Shimabukuro ist heute, im Alter von 79 Jahren, Träger des 10.Dan und repräsentiert einen der höchst rangigen und am meisten respektierten Senseis Okinawas. In allen 4 Karateverbänden der Insel hält er hohe Position inne und besucht regelmäßig die Seibukan Dojos rund um den Globus. Seine Reisen führen ihn dabei auch des öfteren nach Deutschland.

Gerne formuliere ich den Lebenslauf von Sensei Jamal Measara in einem gut lesbaren Fließtext für einen Blogartikel. Der Stil ist informativ, respektvoll und dem außergewöhnlichen Werdegang angemessen:

Sensei Jamal Measara – Ein Leben im Dienst der Kampfkunst

Jamal Measara wurde am 29. Juli 1949 in Seremban im malaysischen Bundesstaat Negri Sembilan geboren. Bereits in jungen Jahren entwickelte er eine tiefe Faszination für die Welt der Kampfkünste. Im Alter von zehn Jahren begann er seine Ausbildung in der traditionellen indischen Stockkampfkunst Silambam sowie in der waffenlosen Kunst der Diamantfaust – Vagare Musthi. Nach dem plötzlichen Tod seines Lehrmeisters wandte er sich zunächst dem Boxsport zu, bevor ihn sein Weg zur traditionellen Kampfkunst zurückführte – insbesondere zum Shorin-Ryu Seibukan Karate, das fortan sein Leben prägen sollte.

Sensei jamal Measara Neben dem Karate widmete sich Sensei Measara intensiv dem Kobudo, der Kunst des Umgangs mit traditionellen Waffen wie Bo, Sai, Nunchaku, Tonfa, Kama und weiteren. Diese Vielseitigkeit und seine Offenheit für verschiedene Stile spiegeln sich auch in seinem späteren Lebensweg wider.

Zwischen 1975 und 1978 war er als Gasttrainer in zahlreichen Ländern aktiv – unter anderem auf den Philippinen, in Indonesien, England, Frankreich, Italien, Dänemark, der Schweiz sowie in Deutschland. In den Jahren 1970 bis 1980 vertiefte er unter der Anleitung von Professor Don F. Draeger, einem renommierten Historiker und Budo-Meister, seine Kenntnisse im Shindo Muso-Ryu sowie im Aiki-Jitsu, der ursprünglichen Form des heutigen Aikido.

Von 1978 bis 1980 übernahm Jamal Measara die Rolle des Cheftrainers der malaysischen Karate-Nationalmannschaft. In dieser Zeit war er auch Mitbegründer des Karate-Verbandes Malaysias sowie des Shorin-Ryu Seibukan Verbandes in Indien.

Im Jahr 1980 führte ihn sein Weg dauerhaft nach Deutschland. Zwei Jahre später heiratete er seine Frau Heidi Measara. Gemeinsam gründeten sie die Budo Akademie Health & Fitness Center Kelheim, die sie seither gemeinsam leiten – ein Ort, an dem traditionelle Kampfkunst, moderne Fitness und ganzheitliche Gesundheit aufeinandertreffen.

Sensei Measara trägt den 10. Dan im Karate (DKV), den 7. Dan im Aikido und den 9. Dan im Kobudo. Seine herausragenden Verdienste um die Kampfkunst wurden unter anderem mit dem Titel „Millennium-Trainer“ gewürdigt. Er ist Autor von sieben Fachbüchern über traditionelles Karate, Cheftrainer und oberster Prüfer des Shorin-Ryu Verbandes in Deutschland, Europa und Südostasien, sowie Prüfer der Dan-Kommission des Deutschen Karate Verbandes (DKV).

Darüber hinaus ist er als Ausbilder für nationale und internationale polizeiliche Spezialeinheiten tätig, darunter das SEK, das LKA Sachsen sowie die Polizeiakademien in Dubai und Indien. Sein tiefes Wissen, seine jahrzehntelange Erfahrung und seine ruhige Autorität machen ihn zu einer herausragenden Persönlichkeit im internationalen Budō – und zu einem Brückenbauer zwischen Kulturen, Generationen und Kampfkünsten.

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